Erkrankungen des Gehirns

Die Gefäßmissbildungen des Gehirns: eine „tickende Zeitbombe“

Ein minimal invasiver Eingriff bei einem Hirn-Aneurysma ersetzt häufig eine aufwändige Schädeloperation

Etwa 2,5 Prozent der erwachsenen Deutschen hat sie: Eine Aussackung (Aneurysma) eines Blutgefäßes im Gehirn – wie sie im Titelbild dieses Schwerpunktes abgebildet ist.
Die große Gefahr: Reißt die dünner gewordene Gefäßwand, kommt es zur lebensbedrohlichen Hirnblutungen. Ein besonders schonendes Behandlungsverfahren der Gefäßerweiterung bieten wir gemeinsam mit meinem Partner Herrn Prof. Dr. Marius Hartmann, Leiter des Instituts für Neuroradiologie an. Zunächst wird eine Angiographie gemacht, um die Hirngefäße darzustellen

Beim sogenannten „Coiling“ (coil, englisch für Spule) führen die Ärzte einen Katheter über die Leistenarterie und durch die Bauchschlagader bis ins Gehirn. Über den Katheter werden weiche Platin-Spiralen (Coils) in das Hirn-Aneurysma geschoben. Dort rollt sich die Spirale zu einem festen Knäuel auf und füllt die Ausbuchtung voll aus, so dass diese vom Blutstrom abgegrenzt ist. Die Gefahr der Hirnblutung ist damit gebannt.

Großer Vorteil dieser minimal invasiven Methode: Eine Operation mit einer Öffnung des Schädels ist nicht mehr notwendig. Das umliegende Gehirngewebe wird geschont, die Gefahr von nervlichen Ausfällen wie Seheinschränkungen, Sprach- und Denkstörungen oder schweren Lähmungen ist minimiert. Für den Patienten bedeutet das: Kürzere Liegezeit, geringere Schmerzen und eine kleinere, nicht sichtbare Narbe.

Bereits über 500 Patienten konnten wir am HELIOS Klinikum Berlin Buch durch die Coil-Therapie erfolgreich behandeln, wobei der Anteil der operierten Patienten unter 10 Prozent liegt, nämlich in den Situationen, in denen eine endovaskuläre, (also von der Innenseite der Gefäße kommende Katheterversorgung) Therapie nicht möglich ist. „Neurochirurgen und Neuroradiologen praktizieren bei HELIOS in Berlin-Buch eine vertrauensvolle partnerschaftliche Zusammenarbeit seit bald dreizehn Jahren“ sagt Prof. Kiwit, wobei die endovaskuläre Therapie in den letzten fünf Jahren zum sogenannten “Gold-Standard“ geworden ist. Die klinischen Ergebnisse für die Patienten sind ausgezeichnet, und liegen sogar noch über denen der internationalen Aneurysmastudie (ISAT), die 2005 in der renommierten Englischen Ärztezeitung The Lancet publiziert wurde.

Kurzinfo Hirn-Aneurysma:

Zirka 350 Millionen Hirn-Aneurysma-Träger gibt es weltweit. Gefährdet sind vor allem Menschen mit einer besonderen Form von Bindegewebsschwäche, starkem Bluthochdruck oder starke Raucher. Die Größe eines Hirn-Aneurysmas variiert zwischen einem Millimeter und zehn Zentimetern.

Wenn es zu einer raumfordernden Blutung gekommen ist, hilft leider keine endovaskuläre Behandlung und man muss den Patienten/ die Patientin operieren. So ein Fall ist hier dokumentiert:

Die Blutung wird in mikroskopischer Technik entfernt und das Aneurysma mit einem Titanclip aus der Blutbahn ausgeschaltet. Ein Beispiel für ein sogenanntes A. ophthalmica Aneurysma, an dem der Patient zu erblinden drohte kann man in diesem Video sehen:

Die Sehstörung dieses Mannes entwickelte sich nach der Operation rasch zurück.
Die moderne Operationstechnik gestattet dem Neurochirurgen, ganz genau die Durchblutungsverhältnisse im Gehirn zu analysieren, und zwar mit der Methode der sogenannten ICG Angiographie (Indocyaningrün engl. indocyanine green). Dabei handelt es sich um einen fluoreszierenden Farbstoff, der schon lange in der Augenheilkunde eingesetzt wird. Er wird intravenös gegeben und hat etwa eine Halbwertszeit von drei bis vier Minuten. Man kann in der Operation sehr schön sehen wie der Farbstoff über die arterielle Seite des Blutkreislaufs anflutet, die kapilläre Phase des Gehirns anfärbt und schließlich durch die großen Venen der Gehirnoberfläche abtransportiert wird.

Bei dem Fall, den ich für Sie ausgesucht habe, handelt es sich um einen Jungen mit einem Cavernom, einem Blutschwamm in der Zentralregion des Gehirns, die für die Bewegungssteuerung der gegenüberliegenden Körperseite verantwortlich ist. Man erkennt auf den Bildern, dass die Durchblutung des Gehirns nach Wegnahme des Cavernoms völlig normal ist, so konnte eine Lähmung des Kindes verhindert werden.